Die Deutungsmacht der Täter

Viele hohe Beamte aus dem SS- und Polizeiapparat arbeiteten nach 1945 in den neu gegründeten „Landfahrerzentralen“ der Landespolizeiämter. Dort setzten sie die im NS-Staat betriebene rassistische Sondererfassung der Sinti und Roma fort. Im Rahmen von Entschädigungsverfahren gaben sie Stellungnahmen über ihre früheren Opfer ab und beriefen sich dabei auf die NS-Akten. Um ihre eigene Rolle innerhalb des nationalsozialistischen Vernichtungsapparats zu verschleiern, deuteten sie die Deportationen ganzer Familien als vorgebliche „Kriminalprävention“ um.

Die überlebenden Sinti und Roma hatten als gesellschaftlich machtlose Minderheit den Netzwerken der ehemaligen Täter, die sich gegenseitig entlastende Zeugnisse ausstellten, nichts entgegenzusetzen. Die meisten zogen sich in den Schutzraum der eigenen Gemeinschaft zurück.

Die personelle Kontinuität und das Fortwirken der rassistischen Feindbilder vom „Zigeuner“ haben den gesellschaftlichen Umgang mit Sinti und Roma in der frühen Bundesrepublik entscheidend geprägt. Das staatliche Handeln war bestimmt von einem tief eingewurzelten Antiziganismus, der – im Gegensatz zum Antisemitismus – trotz demokratischen Neubeginns keine Ächtung erfuhr.

01.1 | Ende 1945 gab es im Münchener Polizeipräsidium immer noch eine „Dienststelle für Zigeunerfragen“ – teilweise mit dem gleichen Personal wie während der NS-Diktatur. Der in dem Dokument genannte Kriminalkommissar Josef Zeiser (dort fälschlich „Zeisser“ genannt) hatte den Deportationszug mit den Münchener Sinti-Familien nach Auschwitz-Birkenau im März 1943 gemeinsam mit seinem Vorgesetzten August Wutz […]
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01.2 | Josef Köhler vor seiner Deportation nach Auschwitz-Birkenau Archiv DokuZ
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01.3 | August Wutz war seit Ende 1938 Leiter der „Dienststelle für Zigeunerfragen“ in München und organisierte die Deportation der Münchener Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau im März 1943. Das Foto entstand vermutlich in den 1930er Jahren. Staatsarchiv München, Personalakten 19692
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02 | Georg Geyer war 1952 Leiter der „Landfahrerstelle“ des Zentralamtes für Kriminalidentifizierung und Polizeistatistik des Landes Bayern, die Vorgängerbehörde des Bayerischen Landeskriminalamts. Während der NS-Diktatur war er bei der Kriminalpolizei in Augsburg und in Bromberg tätig. Seit 1940 war er mit Mitglied der SS gewesen. Durch die „Zulassung als Sachverständiger auf dem Gebiete des […]
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03 | Eingabe von Eduard Höllenreiner an den Bayerischen Landtag und Ministerpräsident Högner, 1957 Archiv DokuZ/Privatbesitz Familie Marco Höllenreiner
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04.1 | Das Foto zeigt Paul Werner während der NS-Zeit in der Uniform der NSDAP. Er hatte im „Reichssicherheitshauptamt“ zuletzt den Rang eines SS-Oberführers inne. Werner vertrat die These, Kriminalität sei erblich bedingt, und war maßgeblich am Konzept der „Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ beteiligt. Dieses bildete die Grundlage für massenhafte KZ-Einweisungen auch von Sinti und Roma. 1952 […]
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04.2 | Das Foto zeigt Paul Werner im Jahr 1957. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, EA 2-150_Bü 1867_02
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05 | Der vormalige Leiter der „Dienststelle für Zigeunerfragen“ bei der Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart Adolf Scheufele, seit Mai 1933 Mitglied der NSDAP, wurde im Entnazifizierungsverfahren lediglich als „Mitläufer“ eingestuft. Obwohl er bei der Deportation der württembergischen Sinti eine wichtige Rolle gespielt und einen „Zigeunertransport“ nach Auschwitz persönlich begleitet hatte, beantragte der Personalprüfungsausschuss für das Polizeipräsidium Stuttgart […]
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06.1 | Wilhelm Supp war seit 1933 Mitglied der NSDAP und der SS; zuletzt trug er den Rang eines Hauptsturmführers. Im Februar 1941 wurde er von der Nürnberger Kriminalpolizei an das „Reichssicherheitshauptamt“ abgeordnet. Dort arbeitete er in leitender Funktion bei der „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“. Diese organisierte unter anderem die Deportationen der Sinti- und […]
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06.2 | Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft München im Verfahren gegen Josef Eichberger und Wilhelm Supp, 19. Dezember 1963 Staatsarchiv München, Staatsanwaltschaften 21836
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07.1 | Hanns Eller, der in der nationalsozialistischen Polizei eine führende Funktion innehatte, kam 1948 nach zweijähriger Internierung in den Polizeidienst zurück. 1950 wechselte er ins Bayerische Landeskriminalamt, wo er die Abteilung Fahndung leitete. Sein Nachfolger wurde Wilhelm Supp. BayHStA, LKA 781
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07.2 | Hanns Eller in der Zeitschrift „Kriminalistik“, Ausgabe Mai vom 1954  
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08 | Statement von Reinhold Lagrene (1950-2016)
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09 | In den letzten Jahren setzen sich staatliche Behörden kritisch mit der eigenen Historie auseinander. Beispielhaft ist die Aufarbeitung der Geschichte des Bundeskriminalamts, die auf eine Initiative des BKA-Präsidenten Joerg Ziercke zurückgeht. Das Foto zeigt Ziercke im Gespräch mit dem Auschwitz-Überlebenden Franz Rosenbach in der ständigen Ausstellung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und […]
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